Ich sitze gern im Café, beobachte die Gäste an den umliegenden Tischen und erfinde Geschichten aus aufgeschnappten Sätzen oder Wörtern. Dabei muss ich achtgeben, nicht zu starren. Ich hole mein Notizbuch aus der Tasche sowie meine aktuelle Lektüre und mein Handy. Nun ist meine Gesellschaft komplett. Wenn ich allein in einem Lokal bin, finde ich es wichtig, immer mindestens eine dieser Utensilien dabeizuhaben. Früher wären statt des Handys Zigaretten dagelegen. Ich tue so, als dächte ich nach und sondiere die Lage.
Am Nebentisch ein Mann mit schwarzem Anzug, intellektuell, Glatze, krank aussehend. Zwei lila gekleidete ältere Damen, die Damenzeitschriften lesen. Ein Mann mit grauem Haar und grauem Sakko telefoniert. Er sei im …, habe ein Stück Torte bestellt und noch etwas über Theatergutscheine. Den Mann und den Buben links von mir verstehe ich nicht. Rechts, beim Fenster, zwei Herren und eine Frau. Sie hat eine prägnante Stimme und trinkt Schnaps aus einem kleinen Fläschchen. Jetzt hat der Kellner meinen Kaffee und einen Toast gebracht. Glatze geht aufs Klo. Eine der lila Damen hat einen RIESIGEN Busen. Das habe ich aus meiner neuen Perspektive – Vorlehnen zum Essen – erspäht. Auf seinem Rückweg vom Klo hat Glatze einen Herren mit klobiger, schwarz-gerahmter Brille getroffen, der sich zu ihm setzt. Glatze hat eine schöne Stimme und spricht von den zwanziger Jahren. Dann diskutieren die beiden österreichische Kulturpolitik und den steirischen herbst. Glatze scheint Journalist zu sein. Draußen sind immer noch Schirme aufgespannt. Es ist ein komisches Gefühl, Toast zu essen und dabei einen Torten-Esser zu beobachten. Der graue Torten-Mann bekommt Gesellschaft. Eine aschblonde Dame in einem beigen Kostüm. Perlmutt-Nagellack. Sie schneuzt sich. Ich blicke wieder hinaus. Die Regentropfen bilden Bäche auf den Fensterscheiben, der Wind bestimmt ihre Richtung. Die rote, gelbe und weiße Straßenbeleuchtung färbt sie zu Adern oder Nervenbahnen oder Flüssen wie auf Landkarten – nur dass sie konstant ihren Lauf ändern. Es gibt Touristen, die bei der Wahl von Outfit und Ausrüstung nicht zwischen Tundra/Polarkreis/Dschungel-Expedition und Städteurlaub unterscheiden. Das finde ich irgendwie lieb. Eine junge Frau mit modischem Kopftuch hat gerade ein Bussi von ihrem Begleiter bekommen. Ich glaube, Grau erzählt Beige gerade von der Theateradaption eines aktuellen österreichischen Bestsellers. Kopftuch-Girl schmiegt sich an ihren Freund und lacht, sie posieren für Selfies. Grau und Beige zahlen und gehen – vielleicht ins Theater zu diesem Stück? Ah, jetzt verstehe ich, Mann und Bub links von mir: Mann hilft Bub mit Schindlers Liste Hausübung. Ich habe den Toast aufgegessen und überlege, von Grau inspiriert, noch ein Stück Torte zu bestellen.
Da fällt mein Blick auf einen Mann mittleren Alters. Müde sieht er aus, verlebt. Er nippt an einem Glas Rotwein und hat ein offenes Notizbuch und einen Stift vor sich liegen, ganz so wie ich. Kurz scheint er die große Wanduhr über mir zu betrachten, dann schreibt er etwas auf. “Frau schreibt in Notizbuch,” vielleicht. “Sie trägt einen dunkelblauen Pullover und trinkt Kaffee.” Einander aufzuschreiben ist vielleicht die sicherste Form der Kommunikation. Wir verwandeln einander in Zeichen auf Papier und machen uns dadurch unsterblich. Hmm, wo habe ich das gelesen? Genau. In Flights von Olga Tokarczuk; das Leben besteht aus einzelnen Situationen, jegliche Kontinuität, jegliche kausalen Zusammenhänge sind Illusion.
Der Mann blickt wieder umher. Vielleicht wartet er auf jemanden oder tut so, als wartete er. Ich sehe seine Augen und kann nicht wegschauen, sie kommen mir so bekannt vor. Ich reiße meinen Blick los, um nicht creepy rüberzukommen. Die beiden lila Damen lesen einander ihre Horoskope vor.